An einem Sonntagmorgen im April steht eine Frau am offenen Küchenfenster, draußen Vogelgesang und der Geruch von nassem Gras. Sie hält eine Tasse Kaffee in beiden Händen, denkt an nichts Bestimmtes und spürt dabei etwas, das sie spontan als Glück bezeichnen würde. Doch was genau meint sie damit? Einen flüchtigen Moment der Freude? Oder etwas Tieferes, das ihr Leben insgesamt durchzieht?
Die Frage nach einer belastbaren Definition von glücklich sein beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Und die Antwort ist komplizierter, als das sonnige Wort vermuten lässt.
Zwei Arten von Glück, die sich nicht immer vertragen
Die psychologische Forschung unterscheidet grundlegend zwischen zwei Dimensionen des Wohlbefindens. Da ist zunächst das hedonistische Glück: positive Emotionen, Vergnügen, die Abwesenheit von Schmerz. Und da ist die Eudaimonie, ein Konzept, das auf Aristoteles zurückgeht und das Erleben von Sinn, persönlichem Wachstum und Selbstverwirklichung beschreibt. Hannes Zacher von der Universität Leipzig fasst die Unterscheidung prägnant zusammen: Hedonistisches Wohlbefinden meint Freude und Zufriedenheit, eudaimonisches dagegen das Gefühl, sich weiterzuentwickeln, bedeutsame Beziehungen zu führen und einen Sinn im Leben zu haben.
Interessant daran ist, dass diese beiden Formen nicht immer gemeinsam auftreten. Eine Studie von Pancheva, Ryff und Lucchini aus dem Jahr 2021 zeigte, dass bei rund 70 Prozent der Untersuchten beide Dimensionen konvergieren. Bei den übrigen 30 Prozent jedoch fallen sie auseinander. Man kann also durchaus zufrieden durch den Tag gehen, ohne sich erfüllt zu fühlen. Oder ein herausforderndes, sinnvolles Leben führen, das wenig unmittelbare Freude bereitet.
Glücklich sein – eine Definition jenseits des Gefühls
Ed Diener, einer der Pioniere der Glücksforschung, definierte in den 1980er Jahren das subjektive Wohlbefinden als Zusammenspiel dreier Komponenten: einer kognitiven Gesamtbewertung des eigenen Lebens, häufiger positiver Emotionen und seltener negativer Emotionen. Diese Definition war ein methodischer Durchbruch, weil sie Glück messbar machte. Die Definition von glücklich sein verschob sich damit vom vagen Bauchgefühl zu einem wissenschaftlich operationalisierbaren Konstrukt.
Martin Seligman erweiterte diesen Rahmen mit seinem PERMA-Modell, das fünf Bausteine eines gelingenden Lebens benennt: Positive Emotionen, Engagement, tragfähige Beziehungen, Sinnerleben und das Gefühl eigener Wirksamkeit. Edward Deci und Richard Ryan wiederum zeigten mit der Selbstbestimmungstheorie, dass drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt sein müssen, damit Menschen nachhaltig aufblühen: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Studien zur SDT berichten Effektstärken zwischen 0.40 und 0.80 für den Zusammenhang zwischen Bedürfniserfüllung und Wohlbefinden, ein beachtlicher Wert.
Was im Gehirn geschieht, wenn wir glücklich sind
Neurowissenschaftler wie Tobias Esch haben beschrieben, wie Glückserleben auf biochemischer Ebene entsteht. Das eigentliche Glücksgefühl wird durch einen Cocktail gehirneigener Opioide ausgelöst, insbesondere Endorphine, die eine kurzfristige positive Abweichung vom individuellen Zufriedenheitsniveau darstellen. Drei Botenstoffe spielen dabei zentrale Rollen: Serotonin für stabile Stimmung, Dopamin für Motivation und Belohnung, Oxytocin für soziale Bindung. Richard Davidson konnte zudem zeigen, dass bei Menschen mit hoher subjektiver Zufriedenheit die linke Gehirnhälfte deutlich aktiver ist. Die beständigsten Glücksgefühle entstehen allerdings nicht durch passiven Genuss, sondern durch Flow-Erlebnisse, jene Zustände völliger Absorption, die Mihaly Csikszentmihalyi in seinen Experience-Sampling-Studien dokumentierte.
Was die Glücksforschung nicht leisten kann
So beeindruckend die Befunde sind, so wichtig bleibt der kritische Blick. Sonja Lyubomirsky und Kollegen postulierten 2005, dass 50 Prozent des Wohlbefindens genetisch bestimmt seien, 10 Prozent durch äußere Umstände und 40 Prozent durch intentionale Aktivitäten. Dieses populäre Modell wurde vielfach zitiert, ist aber methodisch umstritten. Heritabilitätsschätzungen variieren je nach Studiendesign erheblich, und die scharfe Trennung in drei Töpfe vereinfacht die komplexen Wechselwirkungen zwischen Genen, Umwelt und Verhalten. Hinzu kommt das Phänomen der hedonistischen Anpassung, das Brickman und Campbell bereits 1971 beschrieben: Menschen kehren nach positiven wie negativen Ereignissen erstaunlich schnell zu einem stabilen emotionalen Ausgangsniveau zurück. Wer Glück als dauerhaften Zustand anstrebt, wird also zwangsläufig enttäuscht. Die Forschung legt eher nahe, dass es um wiederkehrende Prozesse geht als um einen erreichbaren Endzustand.
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Quellenverzeichnis
Diener, E. (1984). Subjective Well-Being. Psychological Bulletin, 95(3), 542–575.
Seligman, M. E. P. (2011). Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being. Free Press.
Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The "What" and "Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
Fredrickson, B. L. (2001). The Role of Positive Emotions in Positive Psychology: The Broaden-and-Build Theory of Positive Emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226.
Pancheva, M., Ryff, C. D. & Lucchini, M. (2021). An Integrated Look at Well-Being: Topological Clustering of Combinations and Correlates of Hedonia and Eudaimonia. Journal of Happiness Studies, 22(5), 2275–2297.
Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.
Esch, T. (2014). Die Neurobiologie des Glücks. Thieme Verlag.
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