Es ist Sonntagmorgen, kurz nach neun. In einem Café in Berlin-Kreuzberg sitzt eine Frau Anfang vierzig allein am Fensterplatz, vor sich eine Tasse Hafermilch-Cappuccino und ein aufgeschlagenes Buch. Sie liest, blickt zwischendurch nach draußen, lächelt. Niemand wartet auf sie. Niemand vermisst sie gerade. Und sie vermisst – niemanden. Für manche Menschen ist das eine beunruhigende Vorstellung. Für die Forschung ist es längst ein ernstzunehmendes Phänomen.
Warum der Beziehungsstatus nicht bestimmt, wie wir uns fühlen
Die Annahme, dass eine romantische Partnerschaft Voraussetzung für ein erfülltes Leben sei, ist kulturell tief verwurzelt. Hochzeitsrituale, Familienpolitik, Werbung – überall wird Zweisamkeit als Normalzustand inszeniert. Die Soziologin Bella DePaulo, die seit Jahren zu Singlehood forscht, hat dafür den Begriff "Singlism" geprägt: eine systematische Abwertung unverheirateter Lebensformen, die sich in gesellschaftlichen Strukturen ebenso zeigt wie in alltäglichen Bemerkungen am Familientisch.
Doch die psychologische Forschung zeichnet ein anderes Bild. Eine aktuelle Studie, publiziert in der Fachzeitschrift *Personal Relationships*, zeigt, dass Single-Personen, deren grundlegende psychologische Bedürfnisse befriedigt sind, signifikant höhere Lebenszufriedenheit und weniger depressive Symptome berichten. Nicht die Partnerschaft selbst erzeugt Wohlbefinden – sondern die Befriedigung universeller Bedürfnisse, die auch außerhalb romantischer Beziehungen möglich ist. Das klingt zunächst abstrakt. Konkret aber bedeutet es: Wer Autonomie erlebt, sich kompetent fühlt und echte Zugehörigkeit in Freundschaften oder Gemeinschaften erfährt, kann glücklich als Single leben – und zwar nicht trotz, sondern unabhängig vom Beziehungsstatus.
Die drei Säulen: Autonomie, Kompetenz, Zugehörigkeit
Den theoretischen Rahmen dafür liefert die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan, eines der am besten validierten Modelle der Motivationspsychologie. Sie identifiziert drei psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie – das Gefühl, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten. Kompetenz – die Erfahrung, wirksam zu handeln und Herausforderungen zu meistern. Und Zugehörigkeit – das Erleben emotionaler Verbundenheit mit anderen Menschen. Entscheidend ist, dass Zugehörigkeit nicht an romantische Liebe gebunden ist. Tiefe Freundschaften, familiäre Bindungen, ehrenamtliches Engagement oder eine verlässliche Nachbarschaft können dieses Bedürfnis ebenso stillen.
Auch Martin Seligmans PERMA-Modell, ein Leitrahmen der Positiven Psychologie, stützt diese Perspektive. Die fünf Dimensionen des Aufblühens – Positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn und Errungenschaften – lassen sich sämtlich außerhalb einer Paarbeziehung kultivieren. Ein Mensch, der in seiner Arbeit aufgeht, der Freundschaften pflegt, der in einem Chor singt oder regelmäßig in die Berge geht, kann alle fünf Dimensionen bedienen, ohne jemals einen Ehering zu tragen.
Was Längsschnittstudien und Surveys tatsächlich zeigen
Die Datenlage ist inzwischen robust. Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, eine der größten Langzeitstudien Europas, zeigt, dass Lebenszufriedenheit zwar im Durchschnitt bei verheirateten Personen etwas höher liegt – der Unterschied aber geringer ist als häufig angenommen und stark von der Qualität der Beziehung abhängt. Menschen in unglücklichen Partnerschaften berichten konsistent niedrigere Zufriedenheitswerte als zufriedene Singles. Die Forschung der Universität Toronto dokumentiert zudem geschlechtsspezifische Unterschiede: Frauen, die allein leben, berichten im Durchschnitt höheres Wohlbefinden als alleinlebende Männer, was unter anderem auf breitere soziale Netzwerke und größere emotionale Kompetenz zurückgeführt wird.
Eine Untersuchung der Universität Mannheim beleuchtet darüber hinaus die gesellschaftliche Dimension: Singlehood wird nach wie vor als "verkannte Lebensform" behandelt, obwohl mittlerweile rund ein Drittel aller deutschen Haushalte Einpersonenhaushalte sind. Die Diskrepanz zwischen gelebter Realität und kultureller Norm erzeugt einen unsichtbaren Druck, der das Wohlbefinden stärker beeinträchtigen kann als das Alleinsein selbst.
Was die Forschung nicht sagt – und wo Vorsicht geboten ist
So ermutigend die Befunde sind, sie verdienen eine ehrliche Einordnung. Erstens unterscheidet die Forschung deutlich zwischen voluntärem und involuntärem Singlesein. Wer sich bewusst für ein Leben ohne Partnerschaft entscheidet, zeigt andere Wohlbefindenswerte als jemand, der unfreiwillig allein ist und darunter leidet. Eine Langzeitstudie, über die das IDW 2026 berichtete, zeigt, dass dauerhaftes unfreiwilliges Singlesein insbesondere bei jungen Erwachsenen das Wohlbefinden erheblich belasten kann. Zweitens ist die Grenze zwischen gewähltem Alleinsein und Einsamkeit fließend. Einsamkeit – verstanden als schmerzhafte Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen – ist ein ernstzunehmender Risikofaktor für Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kognitive Einschränkungen. Drittens besteht die Gefahr, aus der Forschung einen neuen normativen Druck abzuleiten: Wer single und unglücklich ist, müsste sich dann zusätzlich noch fragen, warum er es nicht schafft, glücklich dabei zu sein. Eine solche Umdeutung wäre das Gegenteil dessen, was die Forschung intendiert.
Die Freiheit, sich selbst zu genügen
Die Frau im Café liest weiter. Vielleicht geht sie nachher spazieren, vielleicht ruft sie eine Freundin an. Vielleicht tut sie weder das eine noch das andere, sondern sitzt einfach da und genießt die Stille. Die psychologische Forschung sagt nicht, dass Partnerschaft unwichtig wäre. Sie sagt etwas Bescheideneres und zugleich Tieferes: dass menschliches Wohlbefinden nicht an eine bestimmte Lebensform gekettet ist. Dass Autonomie, Verbundenheit und Sinn die tragenden Pfeiler eines guten Lebens sind – und dass diese Pfeiler auf verschiedene Weise errichtet werden können. Glücklich als Single zu sein ist kein Trost zweiter Klasse. Es ist eine vollwertige Möglichkeit menschlichen Gedeihens.
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Quellenverzeichnis
Deci, E. L. & Ryan, R. M., "Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being", *American Psychologist*, 2000. Vgl. auch: PMC3363380.
Seligman, M. E. P., *Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being*, Free Press, 2011.
Studie zu psychologischen Bedürfnissen und Singleleben, *Personal Relationships*, berichtet via PsyPost, 2024. Quelle: psypost.org/who-lives-a-good-single-life-new-data-highlights-the-role-of-autonomy-and-attachment.
Universität Toronto, "New Study Finds Single Women Are Happier Than Single Men", artsci.utoronto.ca, 2024.
Universität Mannheim, "Die verkannte Lebensform" – Forschung zu Singlehood als sozialer Kategorie, uni-mannheim.de/forschung-erleben, 2025.
IDW-Nachricht, "Dauerhaftes Single-Sein belastet das Wohlbefinden junger Menschen", nachrichten.idw-online.de, Januar 2026.
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), SOEP-Analyse zur Lebenszufriedenheit, diw.de, 2024.
DePaulo, B., Forschung und Publikationen zu Singlism und Singlehood, belladepaulo.com.
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