Ein Bewerbungsgespräch, irgendwo in einer deutschen Großstadt. Die Kandidatin sitzt aufrecht, lächelt verbindlich und beschreibt sich als „teamorientiert, gewissenhaft und offen für Neues". Drei Adjektive, die gut klingen. Aber stimmen sie? Und wer entscheidet eigentlich, welche Eigenschaften uns ausmachen – wir selbst, die anderen, oder etwas, das tiefer liegt als beide Perspektiven?
Die Frage nach der eigenen Persönlichkeit und ihren Eigenschaften gehört zu den ältesten der Psychologie. Sie ist gleichzeitig eine der persönlichsten. Denn sie berührt nicht nur akademische Taxonomien, sondern das, was Menschen im Alltag umtreibt: Bin ich so, wie ich sein will? Kann ich mich verändern? Und warum reagiere ich in manchen Situationen so anders als die Menschen um mich herum?
Was Persönlichkeit in der Wissenschaft bedeutet
Die American Psychological Association definiert Persönlichkeit als die anhaltende Konfiguration von Charakteristiken und Verhalten, die die individuelle Anpassung an das Leben umfasst – einschließlich Interessen, Werte, Selbstkonzept, Fähigkeiten und emotionale Muster. Damit ist Persönlichkeit kein starrer Bauplan, sondern ein dynamisches System: beeinflusst von Genen, geformt durch frühe Beziehungen, moduliert durch kulturelle Prägung und kritische Lebenserfahrungen.
Gordon Allport, einer der Gründerväter der Persönlichkeitspsychologie, sprach bereits in den 1930er Jahren von einer „dynamischen Ordnung psychophysischer Systeme", die unsere einzigartigen Anpassungen an die Umwelt bestimmen. Diese Formulierung klingt sperrig, trifft aber etwas Wesentliches: Persönlichkeit ist kein Etikett, das man sich aufklebt. Sie ist ein Prozess, der sich zwischen Innen und Außen entfaltet.
Die großen Fünf – und was sie wirklich messen
Das heute weltweit einflussreichste Modell zur Beschreibung von Persönlichkeit und ihren Eigenschaften ist das Big-Five-Modell, auch als Fünf-Faktoren-Modell bekannt. Es unterscheidet fünf Dimensionen: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Seine Ursprünge liegen im lexikalischen Ansatz – der Idee, dass die wesentlichen Unterschiede zwischen Menschen sich in der Sprache spiegeln. Gordon Allport und Henry Odbert sammelten dafür 1936 knapp 18.000 Eigenschaftsbegriffe aus dem Wörterbuch; spätere Forscher wie Raymond Cattell, Ernest Tupes, Raymond Christal und Warren Norman destillierten daraus per Faktorenanalyse die fünf stabilen Dimensionen. Bereits 1934 hatte Louis Thurstone in einer kleineren Studie mit 60 Eigenschaftswörtern gezeigt, dass sich Persönlichkeitsurteile auf wenige Faktoren reduzieren lassen.
Die Robustheit des Modells ist beeindruckend. In über 3.000 wissenschaftlichen Studien hat es sich kulturübergreifend bewährt. Zwillingsstudien zeigen, dass die Erblichkeit der einzelnen Faktoren zwischen 42 und 57 Prozent liegt – Extraversion etwa bei 54 Prozent, Verträglichkeit bei 42 Prozent. Der Rest entfällt auf Umwelteinflüsse, wobei die Epigenetik zunehmend zeigt, dass diese Trennung weniger scharf ist als gedacht. Umwelterfahrungen können chemische Markierungen auf der DNA hinterlassen, die die Genexpression dauerhaft verändern, ohne die DNA-Sequenz selbst anzutasten.
In Deutschland wird das Modell unter anderem im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) erfasst, einer der größten Längsschnitterhebungen weltweit. Das dort eingesetzte Big Five Inventory (BFI-S) ermöglicht es, Persönlichkeitsveränderungen über Jahrzehnte hinweg zu verfolgen – ein wissenschaftlicher Datenschatz, der zeigt, dass sich Menschen im Lauf des Lebens verändern, aber nicht beliebig.
Was sich verändert – und was bleibt
Die Meta-Analyse von Brent Roberts und Kollegen aus dem Jahr 2006 dokumentiert einen sogenannten Reifungstrend: Zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr werden Menschen im Durchschnitt gewissenhafter, emotional stabiler und durchsetzungsfähiger. Verträglichkeit nimmt eher im späteren Erwachsenenalter zu, während Offenheit nach einem Anstieg in der Jugend im Alter wieder leicht sinkt. Ein internationales Forscherteam der Universitäten Leipzig, Mainz, Stanford und Cambridge konnte zudem zeigen, dass diese Veränderungen nicht nur im Selbstbericht sichtbar werden – auch nahestehende Personen nehmen sie wahr.
Gleichzeitig belegt eine bemerkenswerte 45-Jahres-Längsschnittstudie, dass drei der Big-Five-Dimensionen – Neurotizismus, Extraversion und Offenheit – über fast ein halbes Jahrhundert hinweg eine signifikante Rangreihenstabilität aufweisen. Die relative Position einer Person innerhalb ihrer Vergleichsgruppe bleibt also erstaunlich konstant. Man wird nicht über Nacht ein anderer Mensch. Aber man kann sich, langsam und stetig, weiterentwickeln.
Wo die Forschung an ihre Grenzen stößt
So elegant das Big-Five-Modell erscheint, so berechtigt ist die Kritik daran. Es beschreibt Persönlichkeit, aber es erklärt sie nicht. Die fünf Dimensionen sagen wenig darüber aus, warum jemand extravertiert ist oder welche Mechanismen einer hohen Gewissenhaftigkeit zugrunde liegen. Zudem hat die Replikationskrise in der Psychologie auch die Persönlichkeitsforschung nicht verschont. Prominente Befunde, etwa zur situativen Stabilität von Persönlichkeitszügen, ließen sich in Wiederholungsstudien nicht immer bestätigen. Der Psychologe und Methodiker Ulrich Schimmack hat systematisch dokumentiert, wie selektives Publizieren – die bevorzugte Veröffentlichung signifikanter Ergebnisse – auch in der Sozialpsychologie zu einem verzerrten Bild geführt hat.
Hinzu kommt ein kultureller Bias. Das Modell wurde primär im angloamerikanischen und europäischen Kontext entwickelt. Ob es die Persönlichkeitsstruktur in kollektivistischen Kulturen ebenso gut abbildet, ist Gegenstand laufender Debatten. Und populäre Persönlichkeitstests wie der Myers-Briggs-Typenindikator, die im Alltag weit verbreitet sind, erfüllen die wissenschaftlichen Gütekriterien bei weitem nicht so gut, wie ihre Popularität vermuten lässt.
Die leise Frage hinter den Modellen
Vielleicht liegt das Faszinierende an der Beschäftigung mit Persönlichkeit und Eigenschaften nicht in den Modellen selbst, sondern in der Frage, die sie aufwerfen: Wer bin ich – und wer könnte ich sein? Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan legt nahe, dass Wohlbefinden dort entsteht, wo Menschen ihre grundlegenden Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit erfüllen können. Seligmans PERMA-Modell ergänzt, dass ein erfülltes Leben nicht aus einem einzelnen Faktor besteht, sondern aus dem Zusammenspiel positiver Emotionen, Engagement, tragfähiger Beziehungen, Sinn und persönlicher Leistung.
Die eigene Persönlichkeit zu verstehen, ist kein Selbstzweck. Es ist eine Form der Selbstkenntnis, die Handlungsspielräume eröffnet – nicht indem man sich neu erfindet, sondern indem man klarer sieht, woraus das eigene Erleben gewebt ist.
Wer diese Selbsterkundung vertiefen möchte, findet im Glückskurs „Kind des Glücks" einen strukturierten Rahmen dafür. Der Kurs verbindet Erkenntnisse aus der Persönlichkeitspsychologie und der Positiven Psychologie mit Reflexionsübungen, die dabei helfen, die eigenen Muster besser zu verstehen – nicht um sie zu bewerten, sondern um bewusster mit ihnen zu leben.
Quellenverzeichnis
American Psychological Association, „Personality", APA Topics, abgerufen 2025. https://www.apa.org/topics/personality
Big Five (Psychologie), Wikipedia-Artikel mit umfangreicher Fachliteratur zu Entwicklung, Erblichkeit und kultureller Validierung des Fünf-Faktoren-Modells. https://de.wikipedia.org/wiki/Big_Five_(Psychologie)
Deci, E. L. & Ryan, R. M., „The 'What' and 'Why' of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior", Psychological Inquiry, 2000. https://selfdeterminationtheory.org/SDT/documents/2000_RyanDeci_SDT.pdf
Schupp, J. & Gerlitz, J.-Y., Big Five Inventory-SOEP (BFI-S), GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. https://zis.gesis.org/skala/Schupp-Gerlitz-Big-Five-Inventory-SOEP-(BFI-S)
Seligman, M. E. P., PERMA-Modell des Wohlbefindens, zusammengefasst in: Positive Psychology, 2012. https://positivepsychology.com/perma-model/
Schimmack, U., „Die Verdrängung des selektiven Publizierens: 7 Fallstudien von prominenten Sozialpsychologen", Replication Index, 2016. https://replicationindex.com/2016/04/20/die-verdrangung-des-selektiven-publizierens-7-fallstudien-von-prominenten-sozialpsychologen/
Universität Mainz, Pressemitteilung zur Untersuchung von Persönlichkeitsveränderungen junger Menschen, 20.02.2017. https://presse.uni-mainz.de/studienergebnisse-zur-untersuchung-von-persoenlichkeitsveraenderungen-junger-menschen/
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