Stärken

Stärken nach Seligman: Was die Forschung über unsere besten Seiten wirklich weiß

28. Juli 2026
Stärken nach Seligman: Was die Forschung über unsere besten Seiten wirklich weiß

Ein Donnerstagabend im November, irgendwo in einer deutschen Kleinstadt. Eine Frau Mitte vierzig sitzt nach einem langen Arbeitstag am Küchentisch, vor sich einen Online-Fragebogen mit 96 Fragen. Ihre Tochter hat ihr den Link geschickt, mit der Nachricht: „Mach mal, ist spannend." Zwanzig Minuten später starrt sie auf ein Ergebnis, das ihr sagt, ihre größten Stärken seien Neugier, Fairness und Humor. Sie liest es zweimal. Nicht weil es überraschend wäre, sondern weil ihr noch nie jemand so sachlich bestätigt hat, was eigentlich gut an ihr ist.

Eine Landkarte des Gelingens

Was diese Frau gerade ausgefüllt hat, ist der VIA-Fragebogen – ein psychologisches Messinstrument, das auf einer ungewöhnlichen Idee beruht. Als Martin Seligman Ende der 1990er Jahre die Positive Psychologie als Forschungsfeld begründete, stellte er gemeinsam mit dem Psychologen Christopher Peterson eine schlichte Frage: Wenn die Psychiatrie ein umfassendes Handbuch für menschliche Störungen besitzt, warum gibt es kein vergleichbares Werk für menschliche Stärken? Die Antwort wurde ein mehrjähriges Forschungsprojekt, bei dem Philosophien, Religionen und ethische Traditionen aus aller Welt durchsucht wurden – von Aristoteles über den Konfuzianismus bis zu den Upanishaden. Das Ergebnis, publiziert 2004, war die VIA-Klassifikation: 24 Charakterstärken, geordnet unter sechs universellen Tugenden wie Weisheit, Mut, Menschlichkeit und Transzendenz. Die Stärken nach Seligman sind dabei keine Fähigkeiten im engeren Sinne, sondern moralisch wertgeschätzte Persönlichkeitszüge, die sich in Denken, Fühlen und Handeln zeigen. Kreativität gehört ebenso dazu wie Dankbarkeit, Ausdauer oder soziale Intelligenz.

Was Stärken mit Wohlbefinden zu tun haben

Die entscheidende Frage ist natürlich nicht, ob sich Stärken klassifizieren lassen, sondern ob das Wissen darum irgendeinen Unterschied macht. Die Forschungslage ist hier bemerkenswert konsistent. Eine aktuelle Meta-Analyse von Casali und Feraco aus dem Jahr 2025, die 130 Studien mit über 275.000 Teilnehmenden auswertete, zeigt, dass fast alle 24 Charakterstärken positiv mit psychischer Gesundheit und Wohlbefinden korrelieren. Am stärksten fallen Hoffnung und Enthusiasmus ins Gewicht – jene Stärken also, die mit Zuversicht und vitaler Energie zu tun haben. Dankbarkeit, Neugier und die Fähigkeit zu lieben folgen dicht dahinter.

Was dabei psychologisch passiert, lässt sich über mehrere Mechanismen erklären. Edward Deci und Richard Ryan zeigen in ihrer Selbstbestimmungstheorie, dass Menschen dann aufblühen, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt sind: Autonomie, Kompetenz und soziale Zugehörigkeit. Wer seine Signaturstärken kennt und im Alltag einsetzt, bedient genau diese Bedürfnisse – nicht als Technik, sondern als natürliche Folge authentischen Handelns. Seligmans eigenes PERMA-Modell erweitert diese Perspektive um positive Emotionen, Engagement, tragfähige Beziehungen, Sinn und Zielerreichung. Charakterstärken durchziehen jeden dieser fünf Bausteine. Eine Person, die ihre Neugier lebt, erlebt häufiger Flow-Zustände, wie sie Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben hat. Wer Freundlichkeit als Kernstärke trägt, pflegt tendenziell stabilere Beziehungen. Die Stärken sind, so betrachtet, weniger ein Etikett als ein Zugang zu verschiedenen Formen gelingenden Lebens.

Was die Forschung über Kulturen hinweg zeigt

Besonders aufschlussreich sind die internationalen Vergleichsdaten. McGrath und Kollegen analysierten VIA-Ergebnisse von über einer Million Menschen aus 75 Nationen und fanden bemerkenswert stabile Muster: Ehrlichkeit, Fairness, Freundlichkeit und Urteilsvermögen gehören weltweit zu den am höchsten bewerteten Stärken, während Selbstregulation, Demut und Besonnenheit konsistent niedrigere Werte erzielen. Diese Befunde stützen die These einer universellen Grundstruktur menschlicher Stärken, auch wenn kulturelle Variationen in der Rangfolge bestehen. Im deutschsprachigen Raum hat insbesondere Willibald Ruch an der Universität Zürich die Validierung des VIA-Fragebogens vorangetrieben, wobei die psychometrischen Kennwerte – interne Konsistenz zwischen 0,75 und 0,90, Test-Retest-Reliabilitäten über 0,70 – auf eine solide Messqualität hindeuten.

Wo die Klassifikation an ihre Grenzen stößt

Dennoch verdient die wissenschaftliche Kritik ernsthafte Beachtung. Ein grundlegendes Problem betrifft die Faktorenstruktur: Die von Peterson und Seligman postulierte Zuordnung der 24 Stärken zu sechs Tugenden lässt sich empirisch kaum replizieren. Faktorenanalysen finden eher vier oder fünf Cluster, was bedeutet, dass die elegante theoretische Architektur nicht vollständig mit der statistischen Realität übereinstimmt. Der Philosoph Christian Miller hat zudem grundsätzlich hinterfragt, ob es wissenschaftlich redlich ist, von „Tugenden" zu sprechen, wenn die zugrunde liegenden Konstrukte primär über Selbstauskunft gemessen werden – eine Methode, die anfällig für soziale Erwünschtheit und mangelnde Selbstkenntnis ist. Hinzu kommt, dass die Stärkenverteilung in Selbstberichten durchweg rechtsschief ausfällt: Menschen bewerten sich bei den meisten Stärken überdurchschnittlich, was die Differenzierungsfähigkeit des Instruments einschränkt. All das bedeutet nicht, dass das VIA-Modell wertlos wäre – aber es mahnt zur Vorsicht gegenüber allzu euphorischen Interpretationen.

Stärken als leise Orientierung

Vielleicht liegt der tiefere Wert der Stärken nach Seligman weniger in ihrer diagnostischen Präzision als in der Perspektivverschiebung, die sie ermöglichen. Die meisten Menschen können ihre Schwächen mühelos aufzählen. Über die eigenen Stärken nachzudenken, konkret und differenziert, ist dagegen ungewohnt, fast befremdlich. Genau darin steckt eine psychologische Wirkung, die über jeden Fragebogen hinausgeht: die Einladung, den Blick zu wenden. Nicht naiv, nicht beschönigend, sondern mit der ruhigen Ernsthaftigkeit, die entsteht, wenn man fragt, was einen Menschen eigentlich trägt. Die Forschung zeigt, dass bereits das Kennenlernen der eigenen Signaturstärken messbare Effekte auf Lebenszufriedenheit haben kann. Das ist kein Versprechen auf Glück. Aber es ist ein Anfang.

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Quellenverzeichnis

Peterson, C. & Seligman, M. E. P. (2004). *Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification*. Oxford University Press / American Psychological Association.

Casali, N. & Feraco, T. (2025). Meta-Analyse zu Charakterstärken und Wohlbefinden (130 Studien, N > 275.000). Berichtet in Simply Psychology, basierend auf Publikation in *Journal of Research in Personality*.

McGrath, R. E. (2015). Character Strengths in 75 Nations: An Update. *The Journal of Positive Psychology*, 10(1), 41–52. Via: viacharacter.org/pdf.

Ruch, W. et al. Psychometrische Validierung des VIA-IS im deutschsprachigen Raum. Universität Zürich, Department of Psychology.

Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The "What" and "Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. *Psychological Inquiry*, 11(4), 227–268.

Miller, C. (2018). Some Philosophical Concerns about How the VIA Classifies Character Traits. *The Journal of Positive Psychology*, 14(1), 6–19.

Seligman, M. E. P. (2011). *Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being*. Free Press.

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