Ein Sonntagmorgen im Mai. Eine Frau steht in ihrem Garten, die Hände in der Erde, und merkt erst nach zwei Stunden, dass sie weder auf ihr Handy geschaut noch an die Arbeit gedacht hat. Kein spektakulärer Moment. Und doch, sagt die Forschung, einer jener Augenblicke, in denen mehrere Dimensionen menschlichen Wohlbefindens gleichzeitig aktiv sind. Genau solche Momente meint Martin Seligman, wenn er von PERMA spricht.
Fünf Buchstaben, ein ganzes Leben
Das PERMA-Modell ist kein Glücksrezept. Es ist der Versuch, eine alte Frage wissenschaftlich aufzuschlüsseln: Was braucht ein Mensch, um nicht nur frei von Leid zu sein, sondern wirklich aufzublühen? Seligman, einer der Begründer der Positiven Psychologie, legte das Modell 2011 in seinem Buch „Flourish" systematisch dar. Fünf Dimensionen bilden das Akronym: Positive Emotion, Engagement, Relationships, Meaning und Accomplishment.
Wer nach konkreten PERMA-Modell Beispielen sucht, findet sie überall im Alltag – oft unbemerkt. Positive Emotionen entstehen beim Lachen mit einer Freundin, beim ersten Kaffee in der Morgensonne, beim Hören eines Liedes, das etwas in Gang setzt. Engagement zeigt sich in jener Gartenarbeit vom Sonntagmorgen, im Programmieren eines Codes, der endlich funktioniert, im Saxophonspielen, bei dem die Zeit verschwindet. Relationships meint nicht die Anzahl der Kontakte, sondern ihre Tiefe – das Gespräch, nach dem man sich verstanden fühlt. Meaning, Sinn, kann im Ehrenamt liegen, in der Elternschaft oder in einer Arbeit, die über den eigenen Vorteil hinausweist. Und Accomplishment ist nicht der Karrieresprung allein, sondern auch das stille Gefühl, eine schwierige Wanderroute geschafft zu haben.
Die wissenschaftlichen Wurzeln
Seligmans Modell steht nicht isoliert. Es bezieht sich auf Jahrzehnte psychologischer Forschung, die jeweils einzelne Dimensionen gründlich untersucht hat. Die Engagement-Dimension etwa gründet auf Mihaly Csikszentmihalyis Flow-Konzept aus den neunziger Jahren. Csikszentmihalyi zeigte mit Tausenden von Erfahrungsprotokollen, dass Menschen sich in Zuständen vollständiger Vertiefung nicht nur wohler fühlen, sondern auch psychologisch wachsen – vorausgesetzt, Anforderung und Fähigkeit befinden sich im Gleichgewicht.
Für die Dimension der positiven Emotionen liefert Barbara Fredricksons Broaden-and-Build-Theorie die Erklärung, warum Freude mehr ist als ein angenehmes Gefühl. Fredrickson wies experimentell nach, dass positive Emotionen das kognitive Repertoire erweitern und den Aufbau dauerhafter psychologischer Ressourcen fördern. Wer häufiger Freude, Dankbarkeit oder Interesse erlebt, entwickelt demnach langfristig mehr Resilienz.
Die Relationships-Dimension wird durch die Bindungsforschung nach John Bowlby und jahrzehntelange Folgestudien gestützt. Eine Metaanalyse von Fearon und Kollegen über 69 Stichproben bestätigte den robusten Zusammenhang zwischen sicherer Bindung und besseren psychosozialen Outcomes. Und die Meaning-Dimension verdankt ihre theoretische Grundlage Viktor Frankls existenzieller Psychologie, die durch moderne Forschung quantitativ untermauert wurde. Michael Steger und Kollegen entwickelten mit dem Meaning in Life Questionnaire ein Messinstrument, mit dem sich in mehreren Studien ein deutlicher, positiver Zusammenhang zwischen erlebtem Lebenssinn und Lebenszufriedenheit zeigen ließ.
Edward Deci und Richard Ryans Selbstbestimmungstheorie schließlich liefert das motivationale Fundament, das die PERMA-Dimensionen zusammenhält. Ihre drei psychologischen Grundbedürfnisse – Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit – spiegeln sich in Seligmans Architektur wider, auch wenn die Modelle nicht deckungsgleich sind.
Was PERMA nicht ist
Es wäre ein Missverständnis, das Modell als Checkliste zu lesen, die man Punkt für Punkt abhakt. Seligman selbst betont, dass die fünf Dimensionen keine Hierarchie bilden und unterschiedlich gewichtet sein können. Nicht jeder Mensch braucht gleich viel Engagement oder Accomplishment, um aufzublühen. Kritisch wird es allerdings, wenn PERMA-Modell Beispiele so vereinfacht werden, dass sie zu einer Art Optimierungslogik verkommen: mehr positive Emotionen, mehr Sinn, mehr Leistung – als sei Wohlbefinden ein Produktivitätsprogramm. Die Forschung zeigt auch, dass materielle Grundsicherheit, psychische Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe Voraussetzungen sind, auf denen PERMA überhaupt erst wirken kann. Das Modell erklärt nicht, warum manche Menschen unter struktureller Benachteiligung leiden, und es ersetzt keine Therapie. Es ist ein Rahmenmodell – hilfreich, aber nicht allumfassend.
Was sich daraus machen lässt
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Quellenverzeichnis
Seligman, M. E. P. (2011). Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being. Free Press.
Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.
Fredrickson, B. L. (2001). The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226.
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The "what" and "why" of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
Steger, M. F., Frazier, P., Oishi, S., & Kaler, M. (2006). The Meaning in Life Questionnaire: Assessing the presence of and search for meaning in life. Journal of Counseling Psychology, 53(1), 80–93.
Fearon, R. P., Bakermans-Kranenburg, M. J., van IJzendoorn, M. H., Lapsley, A.-M., & Roisman, G. I. (2010). The significance of insecure attachment and disorganization in the development of children's externalizing behavior. Child Development, 81(2), 435–456.
Frankl, V. E. (1959). Man's Search for Meaning. Beacon Press.
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