Werte

Ich weiß nicht, was ich will – und warum das mehr über unsere Zeit verrät als über uns selbst

21. Oktober 2026
Ich weiß nicht, was ich will – und warum das mehr über unsere Zeit verrät als über uns selbst

Es ist Sonntagabend, kurz nach acht. Der Fernseher läuft, aber niemand schaut hin. Auf dem Küchentisch liegt ein halb ausgefülltes Bewerbungsformular, daneben ein aufgeschlagenes Notizbuch mit einer Liste, die nur einen Satz enthält: „Was will ich eigentlich?" Der Stift liegt still. So beginnt, was Viktor Frankl einmal die „Sonntagsneurose" nannte – jener Moment, in dem die Ablenkungen der Woche wegfallen und die Leere spürbar wird.

Wenn alle Türen offen stehen und man trotzdem nicht losgeht

Der Satz „Ich weiß nicht, was ich will" klingt nach persönlichem Versagen. Nach mangelnder Entschlusskraft, vielleicht nach Unreife. Doch die psychologische Forschung zeichnet ein anderes Bild. Orientierungslosigkeit ist weniger ein individuelles Defizit als ein Symptom einer Gesellschaft, die unendlich viele Optionen bereithält, aber immer weniger verlässliche Strukturen, um sich zwischen ihnen zurechtzufinden. Thomas Druyen, Zukunftspsychologe an der Sigmund Freud Universität Wien, beschreibt die gegenwärtige Lage als „Verstrickung und Fülle von Krisen", die sich gegenseitig beschleunigen – Klimawandel, geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit. All das erzeugt eine chronische Überforderung, in der die Fähigkeit zur Zukunftsplanung leise erodiert.

Dabei ist die Sehnsucht nach Richtung kein Luxusproblem. Edward Deci und Richard Ryan haben in ihrer Selbstbestimmungstheorie drei psychologische Grundbedürfnisse identifiziert, deren Erfüllung für das Wohlbefinden essenziell ist: Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit. Orientierungslosigkeit trifft das Autonomiebedürfnis ins Mark. Wer nicht weiß, was er will, kann auch nicht selbstbestimmt handeln. Stattdessen entsteht ein Zustand, den Frankl als „existenzielles Vakuum" bezeichnete – innere Leere trotz äußerer Fülle, Apathie trotz Freiheit.

Was die Forschung über Sinn und Orientierung weiß

Die Befundlage ist bemerkenswert konsistent. Anthony Burrow und sein Team an der Cornell University zeigen in ihrer Forschung zum Lebenssinn, dass Menschen mit einer klaren inneren Ausrichtung – einem „Purpose", der über einzelne Ziele hinausweist – signifikant höhere Lebenszufriedenheit, stabilere Emotionen und weniger depressive Symptome aufweisen. Dieser Effekt zieht sich durch alle Altersgruppen, von der Adoleszenz bis ins hohe Alter. Besonders aufschlussreich: Menschen mit ausgeprägtem Lebenssinn reagieren auf alltägliche Rückschläge emotional stabiler. Sie brauchen weniger Energie, um sich von negativen Erlebnissen zu erholen.

Das PERMA-Modell von Martin Seligman ordnet Wohlbefinden in fünf Dimensionen: Positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn und Errungenschaften. Orientierungslosigkeit trifft vor allem die letzten beiden – wer keine Richtung hat, kann weder bedeutsame Ziele verfolgen noch das Gefühl entwickeln, etwas Wesentliches zu erreichen. Und ohne dieses Gefühl verlieren auch die anderen Dimensionen an Fundament. Denn Engagement im Sinne von Csikszentmihalyis Flow-Konzept setzt voraus, dass man sich einer Aufgabe widmet, die man als persönlich relevant erlebt.

Deutsche Daten unterstreichen diese Zusammenhänge. Das Sozio-ökonomische Panel des DIW zeigt, dass die durchschnittliche Lebenszufriedenheit in Deutschland bei 7,4 von 10 Punkten liegt – über dem OECD-Schnitt. Doch unter dieser stabilen Oberfläche verbergen sich erhebliche Unterschiede. Besonders junge Menschen berichten von massiven Belastungen: 49 Prozent leiden unter chronischem Stress, 32 Prozent unter Selbstzweifeln, 30 Prozent unter Antriebslosigkeit. Junge Frauen sind dabei signifikant stärker betroffen als junge Männer. Was hier sichtbar wird, ist keine vorübergehende Adoleszenzkrise, sondern eine strukturelle Orientierungsnot einer ganzen Generation.

Was die gängigen Antworten übersehen

Es wäre verlockend, Orientierungslosigkeit mit einfachen Rezepten zu begegnen – Werte klären, Ziele setzen, Vision Board basteln. Doch die Forschung mahnt zur Vorsicht. Ryan und Deci unterscheiden zwischen hedonischem und eudaimonischem Wohlbefinden, und nicht jede Form der Zielorientierung fördert Letzteres. Wer sich Ziele setzt, die primär extrinsisch motiviert sind – Status, Anerkennung, gesellschaftliche Erwartungen –, gewinnt kaum an innerem Orientierungsgefühl, auch wenn die To-do-Liste kürzer wird. Hinzu kommt eine berechtigte Kritik an der Positiven Psychologie selbst: Die Forderung, man möge doch seinen Lebenssinn finden, kann bei Menschen in akuter Desorientierung paradoxerweise den Druck erhöhen. Frankl selbst warnte davor, Sinn zu „verordnen" – er könne nur gefunden, nicht hergestellt werden. Und die Lebenszufriedenheitsforschung zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Einkommen und Zufriedenheit ab einem gewissen Schwellenwert abflacht, während Armut dramatisch auf das Wohlbefinden drückt. Orientierungslosigkeit hat also auch eine sozioökonomische Dimension, die durch rein psychologische Interventionen allein nicht aufgefangen werden kann.

Die leise Arbeit der Klärung

Vielleicht liegt das Entscheidende darin, den Satz „Ich weiß nicht, was ich will" nicht als Problem zu hören, sondern als Anfang. Als ehrliche Bestandsaufnahme. Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie, kurz ACT, arbeitet genau an dieser Stelle: nicht gegen die Unsicherheit, sondern mit ihr. Sie lädt dazu ein, die eigene Orientierungslosigkeit wahrzunehmen, ohne sie sofort auflösen zu müssen, und stattdessen behutsam zu erkunden, welche Werte tatsächlich tragen – nicht welche man haben sollte. Carol Ryff hat in ihrem Modell des psychologischen Wohlbefindens gezeigt, dass persönliches Wachstum, Selbstakzeptanz und Lebenssinn keine Endpunkte sind, die man erreicht, sondern fortlaufende Prozesse. Die Orientierung kommt nicht vor dem ersten Schritt. Sie entsteht beim Gehen.

Wer diese Erkundung nicht allein unternehmen möchte, findet im Glückskurs „Kind des Glücks" einen strukturierten Rahmen, der wissenschaftlich fundierte Ansätze – von der Selbstbestimmungstheorie bis zur Wertearbeit – mit persönlicher Reflexion verbindet. Nicht als Antwortmaschine, sondern als Einladung, die eigenen Fragen ernst zu nehmen und ihnen systematisch nachzugehen.

Quellenverzeichnis

Deci, E. L. & Ryan, R. M., Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik, 1993, Zeitschrift für Pädagogik, 39(2).

Seligman, M. E. P., Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being, 2011, Free Press.

Burrow, A. L. et al., Purpose and Identity Processes Lab, Cornell University – Forschung zu Lebenssinn und psychologischer Stabilität über die Lebensspanne.

Frankl, V. E., Das existenzielle Vakuum und die Logotherapie, Viktor Frankl Institut Wien, viktorfrankl.org.

DIW Berlin, Lebenszufriedenheit in Deutschland – Analysen auf Basis des SOEP, 2024, DIW Wochenbericht 34.

Ryan, R. M. & Deci, E. L., On Happiness and Human Potentials: A Review of Research on Hedonic and Eudaimonic Well-Being, 2001, Annual Review of Psychology, 52, 141–166.

Der Glückskurs

Glück ist lernbar –
wir zeigen es dir

Glück entsteht nicht zufällig – es lässt sich lernen und gezielt fördern. Im Glückskurs „Kind des Glücks" begleitest Du Dich Schritt für Schritt durch die psychologischen Grundlagen eines erfüllten Lebens. Fundierte Erkenntnisse aus Psychologie und Psychotherapie, praxisnahe Übungen und digitale Werkzeuge helfen Dir, glücklicher zu werden und Deinen eigenen Weg zu mehr Wohlbefinden zu finden.

Zum Glückskurs